Programmwechsel

Experimente mit einer Aufführungsform

Der Auftakt war ein Konzert im Park. Unangekündigt, überraschend und flüchtig. Das Konzert in der Abenddämmerung begann mit dem Marsch einer Gruppe von Musikern in klassischer Konzertkleidung quer durch den Johanna-Park, Leipzig. Die Bühne wurde durch Instrumentenkästen abgegrenzt, Notenständer im Kreis versammelt, der Stimmton wurde herumgegeben und schon erklang die Ouvertüre der Oper „Le Trioumphe de l´Amour.“
Durch das außer-gewöhnliche Engagement der Musiker und die finanzielle Unterstützung des Studierendenrates konnte am 21. Mai 2011 die Konzertreihe „Programmwechsel“ starten.
Ziel dieser Reihe ist die künstlerische Erforschung eines alternativen Aufführungsformates. Durch die Bespielung ungewöhnlicher Räume und durch die Abwandlung von Konzertritualen sollen Zugangsbarrieren durchbrochen und die Integration künstlerischen Denkens in den Alltag gefördert werden.

Bei der Entwicklung der Projekte wurden grundlegende Strategien und Taktiken des Cultural Hackings (Thomas Düllo, Franz Liebl) angewendet: Umdeutung und Aneignung von vorgefundenen Räumen. Rituale der gewohnten Konzertsituation, z.B. Applausordnung und Konzertkleidung, Requisiten wie Notenständer und Programmhefte und das Kunstwerk als kommunikativer Akt wurden mit der Alltagswirklichkeit zu einer neuen Form von Aufführungspraxis verschmolzen. Die Musik den Reizen des Alltags auszusetzen und Störungen als produktive Entwicklungen zu deuten, stellt eine harte Opposition zum tradierten Konzertbetrieb dar.
Dass Veränderungen der tradierten Konzeptualisierung von Konzert notwendig sind, zeigt unter anderem eine Studie aus dem Rheinland in der 53 % der Besucher von klassischen Konzerten angeben, kein explizites Interesse an klassischer Musik zu haben. Die Besuche erfolgten vor allem aus gesellschaftlichen und freizeitgestalterischen Beweggründen. Das Hinterfragen des status quo und die Entwicklung innovativer Konzepte der Rahmung von Kunst muss aus der Praxis kommen. Die Konzerte der Reihe Programmwechsel sind Ausdruck dieser Notwendigkeit. Ausgangsbasis meiner Arbeit ist die Annahme, dass die Rahmung eines künstlerischen Aktes grundlegenden Einfluss auf die Rezeption von Kunst hat. Alternative Aufführungsformate spielen mit dieser Rahmung und versuchen andere Kontexte zu integrieren – mein Fokus liegt hierbei auf den öffentlichen Räumen einer Stadt: die komplexe Situation sich überschneidender funktionaler Räume (v.a. Transit, Konsum, Interaktion und Beobachtung des Anderen, Entspannung) bietet hierbei einen Reichtum an Anknüpfungspunkten für die Entwicklung von künstlerischen Inhalten. Besonders spannend ist die Beobachtung der Veränderung des Kunstwerks bei seiner Verschiebung aus dem geschützten Konzertsaal hin in diese konkurrierenden Räume.
Der Aufbau einer offenen Narration hat sich bei den vergangenen Konzert-experimenten als zentrales Konstruktions-Element gezeigt. Dies bedeutet hier, dass keine Ausformulierung der Interpretationsoptionen vorgenommen werden und keine geschlossene soziale Rahmung gewählt wird, sondern der Besucher zur individuellen Auseinandersetzung innerhalb seiner eigenen Alltagswirklichkeit ermuntert werden soll.
So entfernt sich das Experiment immer weiter vom Ideal des klassischen Konzert hin zu einer interaktiven Erzählung von Kunst und Inhalten, in der der Rezipient mit seinem Erfahrungsschatz und seiner Gedankenwelt als Partner in den Produktionsprozess von Kunst integriert wird.

Die Konzertreihe findet ihre Fortsetzung unter dem Namen „öK – Konzert im öffentlichen Raum“.

Die Konzerte:
Premiere im Park, 21.5.2011
Ort: Johanna-Park, Leipzig
Programm:
Ouvertüre „Trioumphe de l´Amour“ (J.-B.Lully),
3. Brandenburgisches Konzert (J.S.Bach) mit improvisierter Kadenz durch Sabino Monterisi     (Sax)
Ouvertüre „Le Trioumphe de la raison sur l´Amour“ (J.-B. Lully)
Studierende der HMT Leipzig

Gamben am Mahnmal, 23.06.2011
Ort: Mahnmal der zerstörtern Synagoge Leipzigs, Gottschedstr.
Programm:
Salamone Rossi: Lieder Salomons
Sprecher: Joszef Gal
Gambenconsort der HMT Leipzig, Leitung: Irene Klein

Ciaconna im Bahnhof, 09.07.2011
Ort: Hbf Leipzig
Programm: Antonio Bertali: Ciaconna für Vl und b.c.
Michaelis Consort

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